Auszüge aus der Eröffnungsrede von 24.03.2017 zur Ausstellung TAPE AIN’T GONNA FIX IT [Sophie Dvořák I Delphine Pouillé] von Günther Oberhollenzer



Nichts ist so beständig wie der Wechsel und die Vergänglicheit.

Ein schönen Satz von Heraklit, der gut zur künstlerischen Arbeit von Delphine Pouillé passt. Pouillé arbeitet in den Medien Zeichnung und Skulptur, wobei sie betont, dass ihre Skulpturen etwas Zeichnerisches haben und ihre Zeichnungen manchmal etwas Skulpturales, dass sich aus Zeichnungen Skulpturen entwickeln können, und die dreidimensionale Form dabei wie eine aufgeblasene Zeichnung erscheint (aber auch umgekehrt aus Skulpturen wiederum Zeichnungen werden, sozusagen alte Skulpturen zeichnerisch recycelt werden).

Körper und Existenz sind zentrale Themen der Arbeit. Ihre Skulpturen bezeichnet Pouillé selbst als „alternative Körper“, da sie keiner Körperform entsprechen, die wir kennen. Basierend auf Zeichnungen gestaltet die Künstlerin aus elastischen Stoffen eine Haut, in die sie PU-Schaum injiziert. Ihr gefalle der Moment des Kontrollverlustes, so die Künstlerin, wenn sich der Schaum ausbreitet und Raum einnimmt, manchmal mehr, manchmal weniger, genau wisse man das vorher nie. PU-Schaum ist ein sehr unstabiles Material – wohl ein Schrecknis für jede Restauratorin / jeden Restaurators – doch das ist genau der Grund, weshalb Pouillé ihn verwendet: Durch das UV-Licht wird er gelb und bröselig und kann sehr leicht Schaden nehmen. Diesen Schaden kalkuliert die Künstlerin bewusst mit ein, ja er ist sogar Teil der künstlerischen Arbeit – oder, noch deutlicher gesagt, des künstlerischen Prozesses. Immer wieder muss Pouillé sich um die verletzte und beschädigte Skulptur kümmern, die Schadstellen verputzen und bandagieren, so wie sich ein Arzt eines verletzten menschlichen Körpers annimmt.

Für die Ausstellung im basement hat Pouillé eine Arbeit ausgewählt, die im Sommer 2016 vier Monate im Freien auf Gartenanlage im Norden von Frankreich ausgestellt war. Fünf Skulpturen waren dort zu sehen, alle fünf wurden von den Besuchern stark beschädigt. Pouillé dokumentiert auf Fotos das ursprüngliche Aussehen des auf einer Schaukel befestigten Objektes und die Veränderungen durch mutwillige Beschädigungen wie auch den Einfluss von Sonne und Witterung. Bei der aufwändigen Restaurierung ließ sich die Künstlerin von architektonischen Rekonstruktionsarbeiten inspirieren, wie sie sie etwa bei der Akropolis in Athen und bei Gebäudefassaden in Sarajevo gesehen hat, oder aber auch bei archäologischen Funden. Ihr gefällt dabei, dass die reparierten Stellen sichtbar bleiben (etwa in Weiß oder Grau), wodurch man das Original von der Kopie unterscheiden kann. Der Zustand der Skulptur ist für Pouillé somit nie definitiv, sondern immer nur temporär, stets einer Änderung unterworfen. Ein kühnes Konzept. Gerade in der Kunst erhofft der Mensch, durch Ölbilder oder Marmorskulpturen der Vergänglichkeit zu trotzen, etwas zu schaffen, das über den Moment hinaus Bestand hat, die Zeit überdauert. Und auch in den Kunstsammlungen unserer Museen wird mit immer strengeren restauratorischen Auflagen versucht, jegliches Älterwerden, jegliche Veränderung des Kunstwerkes mit aller Macht zu verhindern. Nicht immer mit Erfolg.

Natürlich kennen wir Werke in der zeitgenössischen Kunst, die nicht von Dauer sind, oft für den Moment gemacht, gefertigt aus kunstfernen Materialien und bewusst die Veränderung des Aussehens, auch den Verfall mit einschließend, und doch habe ich diesen Gedanken selten so konsequent umgesetzt gesehen wie in den Werken von Pouillé. Denn sie arbeitet mit der Veränderung, reagiert darauf, der Verfall ist ihr Komplize, ihre Inspiration.

So entstehen Werke von großer Schönheit und Sensibilität, Sinnbilder für die Veränderungen im Leben, für die unwiederbringlichen Zeichen, die sich mit der Zeit einschreiben, Sinnbilder für das Älterwerden und den oft sinnlosen Kampf dagegen, letztendlich Sinnbilder für die Vergänglichkeit allen Seins. Wir sehen Kunstwerke, die nicht für die Ewigkeit gemacht sind.

In ihrer Idee sind sie aber wohl zeitlos.